Jacobus de Kerle (1531-32-1591) : Komponieren in Spannungsfeld von Kirche und Kunst

"Retter der Kirchenmusik" - mit diesem Prädikat ist der Name des flämischen
Komponisten Jacobus de Kerle unzertrennlich verbunden, seit er durch Otto
Ursprungs wegweisende Studien zu Beginn des 20. Jahrhunderts überhaupt ins
Blickfeld der Forschung rückte. Ursprung knüpfte die historische Bedeutung de
Kerles an die These, dank seiner Preces speciales (1562) sei es gelungen, das drohende
Verbot kirchlicher Mehrstimmigkeit auf dem Konzil von Trient abzuwenden. Dies
hatte ebenso nachhaltige wie zwiespältige Konsequenzen: Einerseits war de Kerle
damit ein fester Platz in der Musikgeschichte gesichert, der aber andererseits schnell
zum bloßen Gemeinplatz verkam. De Kerles Leistung wurde in der Folgezeit auf
die vermeintliche Rettungstat verkürzt; weitere Studien zu oder Editionen von
seiner Musik blieben indessen aus. In vorliegender Monographie erfährt de Kerles
kompositorisches Schaffen nun eine umfassende, differenziertere Neubewertung,
die auf der Erschließung seines gesamten OEuvres basiert. Wenn de Kerle folglich
der Ehrentitel des "Retters der Kirchenmusik" aberkannt werden muß, so zeigt
sich, daß er nicht nur ein einziges Werk, sondern sein ganzes schöpferisches Leben
in den Dienst der Kirchenmusik stellte. Sein Ziel war es, "katholische" Musik zu
komponieren, d.h. Musik, die sich den liturgischen Anforderungen unterordnete
und das konfessionelle Selbstverständnis der römischen Kirche akzentuierte.
Dabei lag es de Kerle fern, lediglich "Gebrauchsmusik" zu komponieren oder
allein propagandistischen Zwecken zu dienen. Vielmehr versuchte er stets, die
kirchlichen Vorgaben mit einem ambitionierten Kunstanspruch zur Deckung zu
bringen, ein labiles, jeweils individuell auszuwägendes Gleichgewicht zwischen
den Gestaltungskräften Kirche und Kunst zu finden. Auch mußte de Kerle im
Laufe seiner bewegten Karriere, die ihn unter anderem nach Orvieto, Rom, Ypern,
Augsburg, Cambrai, Köln und Prag führte, immer wieder neue Wege einschlagen,
um seine Zielvorgabe in den jeweils gegebenen Umständen zu erfüllen.