Helmut Walcha : ein Leben für Johann Sebastian Bach und seine wegweisende Interpretation

Dank der von den Autoren Joseph Coppey und Jean-Willy Kunz verfassten Biographie,
die über 10 Jahre hinweg mit mühevollen Recherchen und ca. 100 Tonbandkassetten
mit Interviews von Schülern, anderen Organisten und Weggefährten den Lebensweg
von Helmut Walcha aufgezeichnet haben, wissen wir sehr, sehr viel über diesen großen
Menschen und einen Musiker, der unter den Organisten eine Ausnahmeerscheinung wie
Johann Sebastian Bach unter den Komponisten es war.
Helmut Walcha hat von vornherein intensiv auf die Bachsche Musik hingearbeitet.
Diese enge Verbindung hat nach seinen eigenen Worten gleich ganz zentral seinen
Lebensweg bestimmt, ja vorgeformt.
"Und es ist nicht so, daßich mir Bach als meinen musikalischen Lebensinhalt frei gewählt
hätte. Es war mir, wie ich glaube, schicksalhaft bestimmt." (Helmut Walcha).
Helmut Walcha hat so stark in der musikalischen Welt von Bach gelebt, daß er seine
Interpretation völlig auf ihn ausgerichtet hat. Bachs Musik verströmt einen tiefen,
inneren Glauben, voller Demut, frei von jeder Frömmelei oder Effekthascherei. Das sind
unübersehbare Parallelen zu Helmut Walchas Interpretation.
Da Helmut Walcha schon als Kind stark sehbehindert war und schließlich mit 19 Jahren
völlig erblindete, hat er - da er die Blinden-Notenschrift nicht erlernt hat - das gesamte
Bachsche Orgel- und Cembalowerk Note für Note erarbeitet. Die einzelnen Stimmen
wurden ihm vorgespielt, die er mit seinem phänomenalen Erinnerungsvermögen
aufnahm und im Gedächtnis behielt, um diese einzelnen Stimmen anschließend
zusammenzufügen.
Dabei hat er die Bachsche Musik so sehr verinnerlicht, daß er jeder Stimme eine eigene
Individualität verlieh, als ob vier verschiedene Instrumentalisten oder Vokalisten ihren
eigenen Part gestalten, so, wie er jede Stimme einzeln gelernt und verarbeitet hat. Er
hat mit absoluter Beherrschung nicht nur jede Stimme im Kopf gehabt, er hat auch
jeder einzelnen Note ihre Bedeutung gegeben. Das kann man auch am Notenbild
seiner Transkription der Kunst der Fuge ablesen, wo er bei einzelnen Noten angegeben
hat, daß sie unterschiedlich verkürzt gespielt werden sollen, damit die jeweils nächste
Note zu größerer Bedeutung kommt. Seine völlig souveräne Interpretation ist in ihrer
Vollkommenheit wie von einem anderen Stern - so tief bewegt sie.
Da entdeckt man so unendlich viele Feinheiten, z.B. wie die Phrasierung und
Akzentuierung des Themas in allen Stimmen völlig kongruent ist.
Er beherrschte so souverän das Bachsche Orgel- und Cembalowerk, daß er in der Lage
gewesen wäre, alles Note für Note zu rekonstruieren. Dafür gibt es viele Zeitzeugen.
Das alles schloß nicht aus, daß Helmut Walcha - wie auch Bach - mit beiden Beinen fest
verwurzelt auf der Erde stand. Er war gern fröhlich, konnte von Herzen lachen, singen,
liebte Blumen (die er alle am Geruch erkannte) und Tiere, und er wußte auch, daß er für
seinen Musik einen Ausgleich braucht. So liebte er im Urlaub besonders Wanderungen
im Schwarzwald.
Wer ist helmut walcha?
Durch die kompletten Einspielungen aller Bachschen Orgel- und Cembalowerke mit
ihm ist und bleibt er uns stets gegenwärtig.
Ein wunderbarer mensch und begnadeter künstler,
den man nicht vergisst!